Was ist eigentlich nicht-binär?
Weder nur Mann noch nur Frau: Was nicht-binär bedeutet, wie das mit Pronomen im Deutschen funktioniert, was rechtlich gilt und warum du dich nicht sofort festlegen musst.
Von Queer Guide Redaktion5 Min. Lesezeit
Die kurze Antwort: Nicht-binär sind Menschen, die sich nicht ausschließlich als Mann oder ausschließlich als Frau verstehen. „Binär“ heißt zweiteilig, und nicht-binär heißt, dass diese Zweiteilung für dich nicht aufgeht.
Die längere Antwort ist interessanter, weil dahinter sehr unterschiedliche Erfahrungen stecken.
Viele Arten, nicht-binär zu sein
Manche fühlen sich irgendwo zwischen männlich und weiblich. Manche als beides. Manche als etwas Drittes, das mit beidem wenig zu tun hat. Manche haben gar kein Geschlecht oder können mit der Frage nichts anfangen. Und bei manchen verändert es sich, über Monate oder auch von Tag zu Tag.
Dafür gibt es eigene Wörter, die du kennen kannst, aber nicht benutzen musst:
- Genderqueer: ein etwas älterer Begriff, der sich weitgehend mit nicht-binär überschneidet und oft politischer gemeint ist.
- Genderfluid: Das Geschlecht bleibt nicht gleich, sondern bewegt sich.
- Agender: kein Geschlecht haben oder sich keinem zuordnen.
- Bigender: zwei Geschlechter haben, gleichzeitig oder im Wechsel.
- Demigirl und Demiboy: sich teilweise, aber nicht ganz als Frau oder Mann verstehen.
Viele sagen einfach „nicht-binär“ oder kurz „enby“ (vom englischen „NB“) und lassen es dabei. Die Flaggen dazu findest du im Lexikon, zum Beispiel die Nichtbinär-Flagge, die Genderqueer-Flagge, die Genderfluid-Flagge und die Agender-Flagge.
Ein paar Missverständnisse
Nicht-binär ist kein Modewort aus dem Internet. Geschlechter jenseits von Mann und Frau gab und gibt es in vielen Kulturen, von den Hijra in Südasien bis zu Two-Spirit-Personen in indigenen Gemeinschaften Nordamerikas. Neu sind nur die Wörter, die wir im Deutschen und Englischen heute dafür benutzen.
Nicht-binär ist auch kein Aussehen. Du musst nicht androgyn sein, keine bestimmte Frisur haben und dich nicht geschlechtsneutral kleiden. Es gibt nicht-binäre Menschen mit Bart und Kleid, mit langen Haaren und Anzug, und solche, denen man im Alltag nichts „ansieht“.
Und nicht-binär ist nicht dasselbe wie inter*. Inter* beschreibt den Körper, nicht-binär die Identität. Manche Menschen sind beides, die meisten nur eines davon. Ob sich nicht-binäre Menschen als trans verstehen, ist unterschiedlich: Viele tun es, weil ihr Geschlecht nicht dem bei der Geburt eingetragenen entspricht, andere finden sich in dem Wort nicht wieder.
Pronomen: wie spreche ich jemanden an?
Im Englischen hat sich „they“ durchgesetzt. Im Deutschen gibt es noch keine Lösung, auf die sich alle geeinigt haben, dafür mehrere, die funktionieren:
- Neue Pronomen wie „dey“ (angelehnt an they), „xier“, „sier“ oder „hen“.
- Kein Pronomen: Du benutzt einfach den Namen. „Alex hat gesagt, dass Alex später kommt.“ Klingt beim ersten Mal ungewohnt, nach einer Woche nicht mehr.
- „Er“ oder „sie“: Viele nicht-binäre Menschen bleiben dabei, weil es im Alltag einfacher ist oder weil es für sie passt.
- Mehrere: „sie/dey“ heißt zum Beispiel, dass beides in Ordnung ist.
Wenn du nicht weißt, was jemand benutzt, frag. „Welche Pronomen benutzt du?“ ist eine normale Frage, und noch entspannter wird sie, wenn du deine eigenen zuerst nennst. Verhaspelst du dich, korrigier dich kurz und rede weiter. Ein großes Drama daraus zu machen, hilft niemandem.
Bei der Anrede in Mails funktioniert „Guten Tag Alex Müller“ oder „Hallo Alex“ immer. Bei Wörtern wie Freund oder Freundin weichen viele auf „Partnerperson“, „befreundete Person“ oder einfach den Namen aus.
Was rechtlich gilt
Seit Ende 2018 gibt es in Deutschland den Geschlechtseintrag „divers“. Seit dem 1. November 2024 kannst du mit dem Selbstbestimmungsgesetz per Erklärung beim Standesamt zwischen „weiblich“, „männlich“, „divers“ und gar keinem Eintrag wählen, ohne Gutachten und ohne Gericht. Im Reisepass steht bei „divers“ oder ohne Eintrag ein X. Wie das Schritt für Schritt geht, steht im Beitrag Vornamen und Geschlechtseintrag ändern.
Im Alltag hängen viele Formulare, Ticketshops und Behördenprogramme noch hinterher und kennen nur „Herr“ und „Frau“. Das nervt. Unternehmen dürfen dich aber nicht zu einer falschen Anrede zwingen, dazu gibt es inzwischen mehrere Urteile. Wenn du dich wehren willst, hilft dir die Antidiskriminierungsstelle des Bundes weiter.
Und medizinisch?
Manche nicht-binäre Menschen wünschen sich Hormone, eine Operation oder beides, viele auch nichts davon. Alle drei Wege sind gleich viel wert. Leider ist die Kostenübernahme durch die Krankenkassen für nicht-binäre Menschen besonders unsicher, seit das Bundessozialgericht 2023 über genau so einen Fall entschieden hat. Mehr dazu in den Beiträgen zur Hormontherapie und zu geschlechtsangleichenden Operationen. Lass dich vor einem Antrag unbedingt beraten.
Wenn du dich fragst, ob das zu dir passt
Es gibt keinen Test und keine Prüfung. Du musst nicht seit deiner Kindheit etwas „gewusst“ haben, und du musst nicht leiden, um nicht-binär zu sein. Was vielen hilft: ausprobieren. Einen anderen Namen im Gruppenchat, ein neues Pronomen bei zwei, drei Menschen, denen du vertraust. Fühlt es sich leichter an, ist das ein Hinweis. Fühlt es sich nach einer Weile doch nicht richtig an, hast du nichts falsch gemacht, sondern etwas über dich gelernt.
Du musst dich auch nicht festlegen. Ein Label ist ein Werkzeug, damit du dich selbst und andere dich besser verstehen. Wenn es nicht mehr passt, legst du es weg.
Austausch und Beratung
Mit Menschen zu reden, die ähnliche Fragen hatten, hilft oft mehr als jeder Text. Gruppen und Beratung findest du unter TIN*, für Jüngere auch unter Jugendgruppen. Online erreichst du den Queersupport (für Menschen unter 27) und den Kummerkasten vom Queer Lexikon. Weitere Begriffe erklären wir in unserem kleinen Wörterbuch.
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