Vornamen und Geschlechtseintrag ändern: So funktioniert das Selbstbestimmungsgesetz
Zwei Termine beim Standesamt, drei Monate Wartezeit, kein Gutachten: So änderst du Vornamen und Geschlechtseintrag. Mit Checkliste für alles, was danach umgestellt werden muss.
Von Queer Guide Redaktion6 Min. Lesezeit
Bis Oktober 2024 brauchte man dafür zwei psychologische Gutachten, ein Gerichtsverfahren, oft mehr als tausend Euro und viel Geduld für sehr persönliche Fragen von Fremden. Seit dem 1. November 2024 reicht eine Erklärung beim Standesamt. Das Selbstbestimmungsgesetz, kurz SBGG, hat das alte Transsexuellengesetz abgelöst.
Der Ablauf ist überschaubar, hat aber ein paar Fristen, die du kennen solltest. Hier steht alles der Reihe nach.
Für wen das Gesetz gilt
Für trans, inter und nicht-binäre Menschen gleichermaßen. Du brauchst kein Attest, kein Gutachten und keine Diagnose, und du musst weder Hormone nehmen noch eine Operation planen. Du erklärst, dass dein Geschlechtseintrag nicht zu deiner Geschlechtsidentität passt, und das Standesamt prüft das nicht nach.
Das Gesetz gilt für Deutsche und für viele Menschen ohne deutschen Pass, die hier dauerhaft leben, zum Beispiel mit unbefristetem Aufenthaltsrecht oder verlängerbarer Aufenthaltserlaubnis. Wenn du unsicher bist, ob das auf dich zutrifft, frag vorher bei einer Beratungsstelle.
Was du wählen kannst
Beim Geschlechtseintrag stehen „weiblich“, „männlich“, „divers“ oder gar kein Eintrag zur Wahl. Dazu bestimmst du einen oder mehrere neue Vornamen. Die sollen zum gewählten Eintrag passen. Bei „divers“ oder ohne Eintrag bist du frei. Du kannst auch deinen bisherigen Vornamen behalten, wenn er für dich passt.
Schritt 1: anmelden
Du meldest die Erklärung beim Standesamt an, entweder persönlich oder schriftlich mit Unterschrift. Ein Anruf oder eine einfache E-Mail reichen nicht. Viele Städte haben dafür ein Formular auf ihrer Website.
Die meisten gehen zum Standesamt an ihrem Wohnort. Ist deine Geburt woanders beurkundet, leitet das Amt die Unterlagen weiter. Ruf vorher kurz an und frag, wie es bei dir läuft und was du mitbringen sollst, das spart einen Weg.
Mit der Anmeldung beginnt eine Wartezeit von drei Monaten. Trag dir das Datum in den Kalender ein.
Schritt 2: die Erklärung
Frühestens drei und spätestens sechs Monate nach der Anmeldung gibst du die eigentliche Erklärung ab, persönlich beim Standesamt. Lässt du die sechs Monate verstreichen, verfällt die Anmeldung und du fängst von vorn an. Bei vielen Standesämtern sind Termine knapp, kümmere dich also früh darum.
Beim Termin unterschreibst du, dass der neue Eintrag deiner Geschlechtsidentität am besten entspricht und dass dir klar ist, was die Änderung bedeutet. Mehr wird nicht gefragt. Du musst nichts begründen und nichts beweisen. Bring deinen Ausweis und, falls verlangt, deine Geburtsurkunde mit.
Ab diesem Moment gilt die Änderung. Du bekommst eine Bescheinigung und kannst eine neue Geburtsurkunde beantragen.
Was es kostet
Die Gebühren legen die Bundesländer und Kommunen fest. Meist liegst du für Erklärung und Bescheinigung im zweistelligen Bereich, dazu kommen die Kosten für neue Urkunden und Ausweise. Verglichen mit dem alten Verfahren ist das ein Bruchteil. Frag dein Standesamt nach den genauen Beträgen.
Kann ich es mir noch mal anders überlegen?
Ja. Bis zum Termin kannst du die Anmeldung einfach verfallen lassen. Nach der Erklärung gilt für Erwachsene eine Sperrfrist von einem Jahr, erst danach ist eine erneute Änderung möglich. Das ist kein Drama und keine Schande. Die Zahlen zeigen aber, dass es selten vorkommt.
Wenn du unter 18 bist
- Unter 14 Jahren geben deine Sorgeberechtigten die Erklärung für dich ab. Ab fünf Jahren musst du selbst zustimmen.
- Zwischen 14 und 17 gibst du die Erklärung selbst ab, brauchst aber die Zustimmung deiner Sorgeberechtigten.
- Stimmen deine Eltern nicht zu, kann das Familiengericht die Zustimmung ersetzen, wenn die Änderung deinem Wohl nicht widerspricht.
- Vor der Erklärung musst du bestätigen, dass du beraten wurdest, zum Beispiel von einer psychologischen Fachkraft oder von der Kinder- und Jugendhilfe.
Wenn deine Eltern dagegen sind, hol dir Unterstützung. Der Queersupport berät junge Menschen genau zu dieser Situation, und im Beitrag Wenn die Familie nicht mitgeht steht mehr dazu.
Danach: die Checkliste
Jetzt kommt der Teil, der Zeit kostet. Mit der Bescheinigung vom Standesamt stellst du nach und nach alles um. Die Reihenfolge, die sich bewährt hat:
- Personalausweis und Reisepass. Die alten sind mit der Änderung nicht mehr korrekt, beantrage also zügig neue. Bei „divers“ oder ohne Eintrag steht im Pass ein X.
- Krankenkasse: neue Gesundheitskarte, und frag direkt nach, ob sich deine Versichertennummer ändert.
- Bank, Kreditkarte, Zahlungsdienste.
- Arbeitgeber, Schule, Hochschule, Ausbildungsbetrieb.
- Finanzamt und Rentenversicherung. Die werden oft automatisch informiert, nachfragen schadet nicht.
- Führerschein, Fahrzeugpapiere.
- Mietvertrag, Strom, Internet, Handy, Versicherungen.
- Bahncard, Vereine, Kundenkonten, E-Mail-Adresse.
Besonders wichtig: Du hast einen Anspruch darauf, dass Zeugnisse, Ausbildungsnachweise, Arbeitsverträge und ähnliche Dokumente mit deinem neuen Namen neu ausgestellt werden. Deine alte Schule oder dein früherer Arbeitgeber dürfen das nicht ablehnen. So musst du dich bei Bewerbungen nicht mit alten Papieren outen.
Plan für das Ganze ein paar Wochen ein und führ eine Liste. Irgendein vergessenes Kundenkonto schickt dir sonst noch nach zwei Jahren Post an den alten Namen.
Die Zeit bis zum Termin
Drei Monate können lang sein, wenn im Ausweis noch der falsche Name steht. Für den Alltag gibt es den Ergänzungsausweis der dgti. Er zeigt deinen gewählten Namen, dein Pronomen und ein aktuelles Foto. Rechtlich ist er kein amtliches Dokument, Polizei, Banken, Hochschulen und viele Unternehmen kennen und akzeptieren ihn aber.
Viele Schulen, Unis und Arbeitgeber ändern Namen in Listen, E-Mail-Adressen und auf Namensschildern auch schon vor der offiziellen Änderung, wenn du darum bittest.
Schutz vor Zwangsouting
Das Gesetz enthält ein Offenbarungsverbot. Niemand darf deinen früheren Namen oder Geschlechtseintrag ohne deine Zustimmung ausforschen oder weitergeben. Wer das absichtlich tut, um dir zu schaden, muss mit einem Bußgeld von bis zu 10.000 Euro rechnen. Ausnahmen gelten für bestimmte Behörden und für rechtliche Zusammenhänge, etwa bei bereits bestehenden Verträgen.
Was das Gesetz nicht regelt
- Medizinische Behandlungen. Für Hormone und Operationen gelten weiter die Regeln der Krankenkassen, siehe Hormontherapie und geschlechtsangleichende Operationen. Umgekehrt brauchst du für beides keinen geänderten Eintrag.
- Das Hausrecht. Betreiber*innen von Saunen, Sportstudios oder Frauenhäusern entscheiden weiter selbst, wen sie einlassen, dürfen dabei aber nicht gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen.
- Elternschaft. In der Geburtsurkunde deiner Kinder stehst du unter Umständen weiter mit dem früheren Eintrag. Das ist kompliziert, lass dich dazu beraten.
Bleibt das Gesetz so?
Die aktuelle Bundesregierung hat vereinbart, das Gesetz zu überprüfen, mit Blick auf Jugendliche, Fristen und den Schutz von Frauen. Ergebnisse lagen bis zum Erscheinen dieses Beitrags nicht vor, und die Koalition ist sich über Änderungen nicht einig. Eine geplante Verordnung, nach der frühere Namen und Einträge im Melderegister gespeichert und an andere Behörden weitergegeben werden sollten, wurde nach viel Kritik im Herbst 2025 im Bundesrat von der Tagesordnung genommen. Wie es damit weitergeht, ist nach unserem Stand offen.
Wichtig für dich: Das Gesetz gilt. Du kannst es heute nutzen, und eine einmal wirksame Änderung bleibt bestehen. Seit dem Start haben das bereits Zehntausende Menschen getan.
Beratung
Bei Fragen zu Fristen, schwierigen Standesämtern oder besonderen Fällen helfen der Bundesverband Trans*, die dgti und der LSVD⁺. Der Queersupport berät Menschen unter 27. Beratung vor Ort findest du bei Queer Guide unter TIN* und Beratungsstellen.
Wenn dir jemand den alten Namen entgegenhält
Ob auf dem Amt, in der Familie oder im Job: Das musst du nicht still aushalten.
- Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Beratung zu deinen Rechten
- TelefonSeelsorge: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, kostenlos und rund um die Uhr
- Alle Nummern und queere Anlaufstellen in unserem Beitrag „Schnelle Hilfe in der Krise“
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