Wenn die Familie nicht mitgeht: Hilfe bei Konflikten mit den Eltern
Schweigen, Streit, Druck oder Schlimmeres: Was du tun kannst, wenn deine Eltern dein Coming-out nicht akzeptieren, welche Rechte du hast und wer dir hilft, wenn du zu Hause nicht mehr sicher bist.
Von Queer Guide Redaktion6 Min. Lesezeit
Du hast es gesagt, oder sie haben es herausgefunden, und seitdem ist es zu Hause anders. Vielleicht wird geschwiegen. Vielleicht fallen Sätze wie „Das ist nur eine Phase“ oder „Was haben wir falsch gemacht?“. Vielleicht ist es schlimmer.
Zuerst das Wichtigste: Mit dir ist nichts falsch. Du hast nichts kaputt gemacht. Und du musst da nicht allein durch.
Schock ist nicht dasselbe wie Ablehnung
Viele Eltern reagieren im ersten Moment schlecht und meinen es nicht so endgültig, wie es klingt. Du hattest lange Zeit, dich kennenzulernen. Sie stehen ganz am Anfang. Oft stecken hinter blöden Sätzen Angst um dich, die Sorge, was die Verwandtschaft sagt, oder der Abschied von einem Bild, das sie von deiner Zukunft hatten.
Das entschuldigt nichts. Aber es erklärt, warum sich viele Familien in den Monaten nach einem Coming-out noch deutlich bewegen. Die erste Reaktion ist selten die letzte.
Was im Alltag helfen kann
- Gib ihnen etwas zu lesen oder jemanden zum Reden. Der Verband BEFAH bringt Eltern queerer Kinder zusammen, für Eltern von trans Kindern gibt es TRAKINE. Eltern hören anderen Eltern oft besser zu als den eigenen Kindern.
- Schreib einen Brief, wenn Gespräche sofort eskalieren. Du kannst in Ruhe sagen, was du meinst, und sie können es mehrmals lesen.
- Such dir eine Verbündete. Eine Tante, ein Großvater oder ein älteres Geschwister kann zwischen euch vermitteln.
- Setz Grenzen. „Ich rede gern mit euch darüber, aber nicht, wenn ihr mich anschreit“ ist ein fairer Satz.
- Bau dir ein Leben außerhalb auf. Freund*innen, eine Jugendgruppe, ein Verein. Je mehr Halt du woanders hast, desto weniger Macht hat der Streit zu Hause.
Wo es nicht mehr okay ist
Es gibt einen Unterschied zwischen Eltern, die Zeit brauchen, und Eltern, die dir schaden. Nicht mehr in Ordnung ist es, wenn sie
- dich beschimpfen, erniedrigen oder dir drohen
- dir Handy, Kontakte oder das Verlassen der Wohnung verbieten, um dich zu isolieren
- dich schlagen oder einsperren
- dich gegen deinen Willen vor anderen outen
- drohen, dich rauszuwerfen oder ins Ausland zu schicken
- dich zu jemandem bringen wollen, der dich „heilen“ soll
Das alles ist Gewalt, auch wenn niemand zuschlägt. Du darfst dir dafür Hilfe holen, und du verrätst damit niemanden.
Sogenannte Konversionsbehandlungen
Manche Eltern suchen nach Therapeut*innen, Seelsorgern oder Gruppen, die versprechen, queere Menschen „umzupolen“. So etwas funktioniert nicht und schadet nachweislich: Wer es durchgemacht hat, leidet häufiger unter Depressionen und Suizidgedanken.
In Deutschland sind solche Behandlungen seit 2020 an allen unter 18 verboten. Bei Erwachsenen sind sie verboten, wenn die Einwilligung durch Druck, Drohung oder Täuschung zustande kam. Auch Werbung dafür ist untersagt. Eltern, die ihr Kind dazu drängen, können sich strafbar machen. Wenn dir so etwas angedroht oder angetan wird, wende dich an eine queere Beratungsstelle oder das Jugendamt. Normale Seelsorge und normale Psychotherapie, die dich so nehmen, wie du bist, sind damit natürlich nicht gemeint.
Deine Rechte, wenn du unter 18 bist
Du hast das Recht, dich beim Jugendamt beraten zu lassen, ohne dass deine Eltern davon erfahren. Du musst dafür keinen Grund beweisen. Viele denken beim Jugendamt an Strafe und Heim. In Wirklichkeit ist seine Aufgabe, dich zu schützen und Lösungen zu finden, die du mitträgst.
Wenn du es zu Hause nicht mehr aushältst oder nicht sicher bist, kannst du darum bitten, in Obhut genommen zu werden. Das Jugendamt muss dich dann vorübergehend unterbringen, etwa in einer Jugendschutzstelle oder einer Bereitschaftsfamilie. Nachts und am Wochenende gibt es dafür in vielen Städten einen Kinder- und Jugendnotdienst. Die Nummer findest du online unter dem Namen deiner Stadt, oder du rufst die Polizei unter 110, die den Kontakt herstellt.
Sag dabei ruhig, dass du queer bist und dass das der Grund für den Konflikt ist. In einigen Städten gibt es betreute Wohngruppen speziell für queere Jugendliche. Eine queere Beratungsstelle weiß, was es bei dir in der Nähe gibt, und begleitet dich auf Wunsch zum Termin.
Wenn du 18 oder älter bist
Dann dürfen deine Eltern dich zwar vor die Tür setzen, aber ganz aus der Verantwortung sind sie nicht:
- Bis du eine erste Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen hast, schulden sie dir in der Regel Unterhalt, auch wenn ihr keinen Kontakt habt.
- Das Jugendamt hilft auch jungen Volljährigen, normalerweise bis 21 und in manchen Fällen bis 27.
- Bürgergeld und eine eigene Wohnung unter 25 sind möglich, wenn du aus schwerwiegenden Gründen nicht bei den Eltern wohnen kannst. Lass dir bei dem Antrag helfen, allein ist er schwer durchzusetzen.
- Beim BAföG gibt es Wege, wenn die Eltern nicht zahlen. Das Studierendenwerk berät dazu.
Wenn du gerade nicht weißt, wo du schlafen sollst, sag das genau so bei einer Beratungsstelle. In mehreren Großstädten gibt es Notunterkünfte und Wohnprojekte für queere Menschen.
Wenn es schnell gehen muss
Falls du damit rechnest, dass es eskaliert, bereite dich vor. Das ist kein Schwarzmalen, sondern gibt dir Ruhe:
- Ausweis, Krankenkassenkarte, Bankkarte und Zeugnisse an einem Ort, an den du schnell kommst, oder als Foto auf dem Handy und bei einer vertrauten Person
- wichtige Telefonnummern auf Papier, falls dir das Handy weggenommen wird
- eine Person, zu der du im Notfall gehen kannst, und die Bescheid weiß
- etwas Bargeld und ein Ladekabel
- ein eigenes E-Mail-Konto und eine Handy-Sperre, die deine Eltern nicht kennen
Wenn du Angst hast, dass jemand deinen Browserverlauf sieht: Der Knopf „Verlassen“ hier auf der Seite bringt dich sofort auf eine harmlose Seite. Am sichersten ist ein privates Fenster.
Wenn Religion oder Kultur eine Rolle spielen
Manche Familien begründen ihre Ablehnung mit dem Glauben oder mit dem, „was die Leute sagen“. Du musst dich nicht zwischen dir und deiner Herkunft entscheiden. Es gibt queere Christ*innen, Muslim*innen, Jüdinnen und Juden und eigene Gruppen von und für queere Menschen mit Migrationsgeschichte. Schau unter Glaube und Religion und frag in Beratungsstellen gezielt danach.
Kontakt reduzieren ist erlaubt
Manchmal wird es nicht besser. Dann darfst du Abstand nehmen, für ein paar Monate oder länger. Das ist keine Undankbarkeit. Viele Queers bauen sich eine Wahlfamilie auf: Menschen, die da sind, wenn es darauf ankommt. Das ersetzt nicht alles, aber es trägt. Und Türen, die du heute schließt, kannst du später wieder öffnen, wenn sich etwas verändert hat.
Menschen, die es kennen
In Jugendgruppen sitzen fast immer Leute, die Ähnliches erlebt haben und dir sagen können, was ihnen geholfen hat. Eine Beratungsstelle kann mit dir sortieren, was als Nächstes dran ist, und auf Wunsch auch mit deinen Eltern sprechen. Tipps für das Gespräch selbst stehen im Beitrag zum Coming-out.
Wenn es gerade akut ist
- Bei Gefahr: Polizei 110 oder Notruf 112
- Nummer gegen Kummer: Kinder- und Jugendtelefon 116 111, kostenlos und anonym. Für Eltern: 0800 111 0 550
- krisenchat.de: Chatberatung für alle unter 25, rund um die Uhr
- Queersupport: Beratung von und für junge Queers unter 27
- TelefonSeelsorge: 0800 111 0 111 oder 116 123, kostenlos und rund um die Uhr
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