Queer im Alter: Leben und Vorsorge für Senior*innen
Die Generation, die für unsere Rechte gekämpft hat, wird alt. Was bei Pflege und Wohnen wichtig ist, welche Vollmachten Wahlfamilien brauchen und wo es Treffpunkte gegen die Einsamkeit gibt.
Von Queer Guide Redaktion6 Min. Lesezeit
Wer heute 75 ist, war 18, als Sex zwischen Männern in der Bundesrepublik noch mit Gefängnis bestraft wurde. Wer heute 80 ist, hat erlebt, wie lesbischen Müttern nach der Scheidung die Kinder weggenommen wurden. Wer als trans Mensch vor 2011 seinen Geschlechtseintrag ändern wollte, musste sich dafür sterilisieren lassen.
Die Älteren in unserer Community haben das alles durchgestanden und vieles von dem erkämpft, was für Jüngere selbstverständlich ist. Jetzt werden sie alt, und das Älterwerden stellt eigene Fragen.
Eine Generation mit Geschichte
Der Paragraf 175 stellte Sex zwischen Männern unter Strafe. Die Bundesrepublik übernahm ihn 1949 in der verschärften Fassung der Nationalsozialisten. Bis zur Reform 1969 wurden rund 50.000 Männer verurteilt. Ganz gestrichen wurde er erst 1994. In der DDR wurde er früher entschärft und 1988 aufgehoben, offen leben konnte man dort trotzdem kaum.
Dazu kam in den 1980er und 1990er Jahren die Aidskrise. Viele schwule Männer dieser Generation haben damals den halben Freundeskreis beerdigt. Menschen, die heute ihr soziales Netz im Alter wären, fehlen.
Wer so etwas erlebt hat, ist oft vorsichtig gegenüber Ämtern, Kirchen und Ärzt*innen. Das ist keine Verbohrtheit, sondern Erfahrung.
Entschädigung für Verurteilte
Seit 2017 sind die Urteile nach Paragraf 175 aufgehoben. Wer verurteilt oder wegen des Paragrafen in Haft war, hat Anspruch auf eine Entschädigung. Seit 2019 gilt das auch für Menschen, gegen die ermittelt wurde, ohne dass es zum Urteil kam. Die Antragsfrist wurde verlängert und läuft nach aktuellem Stand bis Juli 2027. Zuständig ist das Bundesamt für Justiz, Hilfe beim Antrag gibt es bei der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS).
Die Angst, sich wieder verstecken zu müssen
Viele ältere Queers fürchten nichts so sehr wie das Pflegeheim. Die Sorge: Nach Jahrzehnten offenen Lebens sitzt man am Tisch mit Menschen, die früher auf der anderen Seite standen, und ist auf Personal angewiesen, von dem man nicht weiß, wie es denkt. Manche hängen dann die Fotos ab und reden von der „guten Freundin“.
Für trans und inter Menschen kommt etwas dazu: Bei der Körperpflege lässt sich nichts verbergen. Wer hier auf Unwissen oder Ablehnung trifft, ist dem sehr direkt ausgeliefert.
Das muss nicht so sein, und es ändert sich gerade.
Gute Pflege erkennen
Die Schwulenberatung Berlin vergibt bundesweit das Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt an Pflegeheime, Pflegedienste und Krankenhäuser, die nachweislich auf queere Menschen eingestellt sind. Die Liste der ausgezeichneten Einrichtungen wächst und ist ein guter Startpunkt.
Auch ohne Siegel kannst du bei der Besichtigung viel herausfinden. Fragen, die sich lohnen:
- Hat das Team eine Schulung zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt gemacht?
- Gibt es offen queere Bewohner*innen oder Mitarbeitende?
- Wie wird in Formularen nach Angehörigen gefragt? Gibt es Platz für Partner*in und Wahlfamilie?
- Können Paare zusammen wohnen?
- Wie geht das Haus damit um, wenn sich andere Bewohner*innen abfällig äußern?
Achte weniger auf die Antwort als auf die Reaktion. Wer bei der Frage rot wird und ausweicht, hat sie noch nie gehört. Wer sagt „Gute Frage, das hatten wir schon“, hat sich damit beschäftigt.
Wohnen: nicht allein und nicht im Heim
In mehreren Städten gibt es inzwischen Wohnprojekte für queere Ältere. Das bekannteste ist der Lebensort Vielfalt in Berlin, ein Mehrgenerationenhaus mit Pflege-WG. Ähnliche Projekte gibt es unter anderem in Köln und München, weitere sind in Planung. Die Wartelisten sind lang, also früh anmelden.
Daneben entstehen viele kleine Lösungen: Freundeskreise, die zusammen in ein Haus ziehen, queere Baugruppen, Wohngemeinschaften ab 60. Wenn dich das interessiert, fang mit Mitte fünfzig an zu planen und nicht erst mit Mitte siebzig.
Papierkram, der wirklich wichtig ist
Viele Queers haben keine Kinder und leben in Beziehungen und Freundschaften, die das Gesetz nicht kennt. Ohne Vorsorge entscheiden im Ernstfall Verwandte, zu denen vielleicht seit dreißig Jahren kein Kontakt besteht, oder ein vom Gericht bestellter Betreuer. Das lässt sich verhindern:
- Vorsorgevollmacht: Du bestimmst, wer für dich entscheidet, wenn du es nicht mehr kannst, bei Gesundheit, Geld und Wohnung. Das automatische Notvertretungsrecht gilt nur für Ehepaare und nur sechs Monate.
- Patientenverfügung: welche Behandlung du am Lebensende möchtest und welche nicht.
- Betreuungsverfügung: wen das Gericht einsetzen soll, falls doch eine Betreuung nötig wird, und wen auf keinen Fall.
- Testament: Ohne Testament erben nur Verwandte und Ehepartner*innen. Freund*innen und unverheiratete Partner*innen gehen leer aus und haben bei der Erbschaftsteuer nur einen kleinen Freibetrag.
- Bestattungsverfügung: wer sich kümmert und wie du es haben willst. Sonst entscheidet die Herkunftsfamilie, auch über den Namen auf dem Stein.
Für trans Menschen lohnt es sich, in der Patientenverfügung festzuhalten, mit welchem Namen und Pronomen sie angesprochen werden wollen und dass die Hormontherapie weiterlaufen soll.
Die Vorsorgevollmacht kannst du im Zentralen Vorsorgeregister eintragen lassen, damit Krankenhäuser sie finden. Beratung gibt es bei Betreuungsvereinen, Verbraucherzentralen und Notariaten. Sag den Menschen, die du einsetzt, Bescheid und gib ihnen eine Kopie.
Gegen die Einsamkeit
Alleinleben ist nicht dasselbe wie Einsamsein. Aber wenn die Szene, in der du jahrzehntelang zu Hause warst, vor allem aus lauten Bars für Dreißigjährige besteht, wird es schnell still. Dagegen hilft nur, rauszugehen, und es gibt mehr Möglichkeiten, als viele denken:
- Stammtische, Erzählcafés und Wandergruppen für ältere Lesben, Schwule und trans Menschen in vielen Städten
- Besuchsdienste, bei denen Ehrenamtliche ältere Queers zu Hause besuchen
- Generationenprojekte, in denen Jüngere und Ältere sich Geschichten erzählen
- Onlinetreffen, wenn der Weg zu weit oder zu beschwerlich ist
Angebote in deiner Nähe findest du bei Queer Guide unter Senior*innen und Treffs. Wenn du einfach mit jemandem reden möchtest: Das Silbernetz ist für Menschen ab 60 täglich von 8 bis 22 Uhr unter 0800 4 70 80 90 kostenlos erreichbar.
Wo du Unterstützung findest
- BISS: Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren, mit Infos zu Entschädigung, Pflege und Gruppen vor Ort
- Dachverband Lesben und Alter: Vernetzung, Infos und Interessenvertretung für ältere lesbische Frauen
- LSVD⁺: Ratgeber zu Vorsorge, Erbrecht und Pflege
- dgti und Bundesverband Trans*: Beratung für trans und inter Menschen, auch zu Pflege und Alter
Wenn du jünger bist
Dann kannst du etwas tun. Frag die Älteren in deinem Verein nach ihren Geschichten, solange sie sie noch erzählen können. Biete an, jemanden zum CSD abzuholen. Und regle deine eigene Vorsorgevollmacht. Die braucht man nicht erst mit 70, ein Unfall reicht. Mehr zu den rechtlichen Fragen rund um Partnerschaft steht im Beitrag zur Ehe.
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