CSD und Alkohol: Feiern ohne Druck
Sekt um elf, Bier auf dem Wagen, Shots auf der Afterparty: Beim CSD wird viel getrunken. Wie du gut durch den Tag kommst, Nein sagst, ohne dich zu erklären, und auch nüchtern Spaß hast.
Von Queer Guide Redaktion5 Min. Lesezeit
Elf Uhr vormittags, die Demo hat noch nicht mal angefangen, und irgendwer drückt dir einen Sekt in die Hand. Auf den Wagen gibt es Bier, am Straßenrand Aperol, abends drei Partys zur Auswahl. Der CSD ist eine Demonstration, aber eben auch der größte Feiertag des Jahres, und dazu gehört für viele Alkohol.
Das ist für die meisten okay. Für manche ist es anstrengend, und für einige ein echtes Problem. Dieser Beitrag ist für alle drei Gruppen.
Warum bei uns so viel getrunken wird
Das hat Geschichte. Jahrzehntelang waren Bars und Kneipen die einzigen Orte, an denen queere Menschen sie selbst sein konnten. Die Szene ist rund um den Tresen entstanden. Bis heute findet ein großer Teil des queeren Lebens dort statt, wo ausgeschenkt wird.
Dazu kommt, was Fachleute Minderheitenstress nennen: Wer sich oft verstecken, erklären oder verteidigen muss, greift eher zu etwas, das kurz Ruhe gibt. Studien zeigen seit Jahren, dass queere Menschen im Schnitt häufiger riskant trinken als andere. Das ist keine Charakterschwäche, sondern eine ziemlich logische Folge.
Gut durch den Tag kommen
Ein CSD dauert lang. Aufstellung, Demo, Straßenfest, Party: Da kommen schnell zwölf Stunden zusammen, oft bei über dreißig Grad und in der prallen Sonne. Ein paar Dinge, die den Unterschied machen:
- Frühstücke richtig. Auf nüchternen Magen wirkt alles doppelt.
- Trink zwischen zwei Drinks immer ein Wasser. Nimm eine eigene Flasche mit, auf der Strecke gibt es oft lange nichts.
- Sonne und Alkohol verstärken sich. Hut, Sonnencreme und Schatten sind keine Spaßbremsen.
- Verabredet in der Gruppe einen Treffpunkt und wer auf wen achtet.
- Lass dein Glas nicht unbeaufsichtigt stehen und nimm keine offenen Getränke von Fremden an.
- Plan den Heimweg, bevor du losgehst, und lade dein Handy.
Nein sagen, ohne dich zu erklären
„Nein danke“ ist ein vollständiger Satz. Du schuldest niemandem eine Begründung, weder die Schwangerschaft noch die Antibiotika noch die Suchtgeschichte. Wenn du trotzdem etwas sagen willst, weil es einfacher ist, hier ein paar Varianten, die funktionieren:
- „Ich bleib heute bei Limo.“
- „Ich hab schon was“ (und dabei das Glas mit Schorle hochhalten).
- „Ich will morgen was vom Tag haben.“
- „Mir bekommt das nicht.“
Ein Trick, den viele kennen: Mit einem alkoholfreien Bier oder einer Schorle in der Hand fragt fast niemand nach. Wer nach dem dritten Nein immer noch drängelt, hat selbst ein Thema und ist nicht dein Problem.
Und andersherum: Wenn bei euch in der Runde jemand nichts trinkt, mach kein Ding daraus. Nicht nachfragen, nicht kommentieren, einfach die Cola mitbestellen.
Nüchtern feiern
Du verpasst nichts. Viele, die es ausprobiert haben, erzählen dasselbe: Man erinnert sich an alles, tanzt genauso, führt bessere Gespräche und ist am Sonntag ein Mensch.
Immer mehr CSDs reagieren darauf. Es gibt alkoholfreie Bars auf Straßenfesten, eigene Sober-Blöcke auf der Demo, nüchterne Tanzveranstaltungen und Treffpunkte für Leute, die clean oder trocken sind. Schau ins Programm deines CSD oder frag die Orga direkt. Wenn es bei euch noch nichts gibt: Solche Angebote entstehen meistens, weil zwei, drei Leute sagen, dass sie es machen. Über Eintrag vorschlagen kannst du uns alkoholfreie Treffen und Veranstaltungen melden, die wir noch nicht kennen.
Ein Tipp für den Abend: Geh, wenn es am schönsten ist. Ab einem gewissen Pegel der anderen wird es für Nüchterne schnell zäh, und das ist ein guter Moment für den Heimweg.
Awareness-Teams
Fast alle größeren CSDs und viele Partys haben Awareness-Teams. Du erkennst sie an Westen, Armbinden oder Schildern, oft gibt es einen festen Stand und eine Telefonnummer im Programm. Sie sind für dich da, wenn
- dich jemand bedrängt, anfasst oder nicht in Ruhe lässt
- du dich unwohl fühlst und nicht genau sagen kannst, warum
- es jemandem in deiner Nähe schlecht geht
- du einen ruhigen Ort brauchst
Du musst nichts beweisen und nichts rechtfertigen. Schau vor dem CSD kurz nach, wo das Team steht. Im Ernstfall sucht man ungern.
Wenn es jemandem schlecht geht
Wer zu viel getrunken hat, braucht Wasser, Schatten, eine Sitzgelegenheit und jemanden, der dableibt. Lass die Person nicht allein nach Hause gehen und nicht irgendwo „ausschlafen“.
Ruf den Notruf 112, wenn jemand nicht mehr ansprechbar ist, sich nicht wecken lässt, flach atmet oder sich im Liegen erbricht. Bring die Person in die stabile Seitenlage und bleib, bis Hilfe da ist. Dasselbe gilt, wenn jemand plötzlich viel betrunkener wirkt, als die getrunkene Menge erklärt. Dann können K.-o.-Tropfen im Spiel sein. Sag das dem Rettungsdienst und dem Awareness-Team. Niemand bekommt Ärger, weil er Hilfe geholt hat.
Wenn es mehr ist als ein Wochenende
Manchmal merkt man beim CSD, was im restlichen Jahr auch schon so ist. Ein paar Fragen, die du dir ehrlich stellen kannst:
- Trinke ich öfter mehr, als ich mir vorgenommen habe?
- Brauche ich Alkohol, um mich in queeren Räumen wohlzufühlen, zu flirten oder Sex zu haben?
- Haben mich schon Menschen darauf angesprochen?
- Fällt es mir schwer, eine Woche nichts zu trinken?
Wenn du bei mehreren Fragen zögerst, ist das kein Urteil, sondern ein Grund, mit jemandem zu reden. Suchtberatung ist kostenlos, vertraulich und verpflichtet dich zu nichts. Du musst dort nicht „Alkoholiker*in“ sein und auch nicht aufhören wollen.
- Kenn dein Limit: anonymer Selbsttest und Infos vom Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit
- Sucht- und Drogenhotline: 01806 313031, rund um die Uhr, der Anruf ist kostenpflichtig
- Suchtberatungsstellen gibt es in jeder größeren Stadt. Einige haben eigene Angebote für queere Menschen, vor allem in Großstädten. Frag danach, auch bei queeren Beratungsstellen und Aidshilfen.
- Selbsthilfegruppen wie die Anonymen Alkoholiker haben in manchen Städten eigene queere Treffen.
Bei Queer Guide findest du Anlaufstellen unter Beratungsstellen, Gesundheit und Selbsthilfe. Die nächsten CSDs stehen in der Terminübersicht. Und warum wir an diesem Tag überhaupt auf die Straße gehen, steht im Beitrag zur Geschichte des CSD.
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