Warum CSD? Die Geschichte des Christopher Street Day
Eine Bar in New York, eine Razzia im Juni 1969 und Gäste, die sich zum ersten Mal nicht abführen lassen. Wie daraus der CSD wurde, wie er nach Deutschland kam und warum er bis heute eine Demo ist.
Von Queer Guide Redaktion5 Min. Lesezeit

Musik, Glitzer, Wagen, Hunderttausende auf der Straße: Wer zum ersten Mal auf einem CSD steht, denkt vielleicht an ein großes Straßenfest. Der Name erzählt eine andere Geschichte. Er erinnert an eine Straße in New York und an eine Nacht, in der Menschen genug hatten.
New York, 1969
Ende der 1960er Jahre war queeres Leben in den USA fast überall illegal oder zumindest gefährlich. In New York konnten Bars ihre Lizenz verlieren, wenn sie Homosexuelle bedienten. Wer Kleidung trug, die nach Ansicht der Polizei nicht zum eingetragenen Geschlecht passte, konnte festgenommen werden. Namen von Festgenommenen landeten in der Zeitung, Jobs und Wohnungen waren danach oft weg.
Das Stonewall Inn in der Christopher Street, mitten in Greenwich Village, war deshalb kein schicker Laden. Es wurde von der Mafia betrieben, hatte keine Ausschanklizenz und kein fließendes Wasser hinter der Theke. Aber man durfte dort tanzen, und es kamen die, die anderswo nicht hineinkamen: Dragqueens, trans Menschen, junge Obdachlose, Butches, Stricher.
Die Nacht zum 28. Juni
Razzien gehörten zum Alltag. Normalerweise liefen sie nach demselben Muster ab: Licht an, Ausweise zeigen, ein paar Leute werden abgeführt, der Rest geht nach Hause. In der Nacht zum 28. Juni 1969 lief es anders. Die Gäste gingen nicht nach Hause, sondern blieben vor der Tür stehen. Es wurden mehr. Als die Polizei Festgenommene grob in die Wagen schob, kippte die Stimmung. Münzen flogen, dann Flaschen und Steine, die Polizei verschanzte sich zeitweise in der Bar.
Die Proteste dauerten mehrere Nächte. Stonewall war nicht der erste Aufstand dieser Art: Schon 1966 hatten sich trans Frauen und Dragqueens in Compton's Cafeteria in San Francisco gegen Polizeischikanen gewehrt. Aber Stonewall wurde zu dem Moment, auf den sich danach alle bezogen.
Wer in der ersten Reihe stand
Die Menschen, die sich in dieser Nacht wehrten, waren nicht die mit dem meisten Ansehen, sondern die mit dem wenigsten zu verlieren. Trans Frauen of Color, Dragqueens, Lesben, Straßenkids. Zwei Namen stehen bis heute für diese Zeit: Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera. Wer in der ersten Nacht was genau getan hat, lässt sich nicht mehr sicher sagen, und Johnson selbst hat erzählt, sie sei erst später dazugekommen. Sicher ist, was beide danach aufgebaut haben.
1970 gründeten sie STAR, die Street Transvestite Action Revolutionaries, und richteten eine Unterkunft für obdachlose queere und trans Jugendliche ein. Die Miete verdienten sie teils selbst auf der Straße. In der Schwulenbewegung der Siebziger wurden sie trotzdem oft an den Rand gedrängt. Dass ihre Namen heute bei so vielen CSDs fallen, ist auch eine späte Korrektur.
Vom Aufstand zum Marsch
Ein Jahr später, am 28. Juni 1970, zogen Tausende beim „Christopher Street Liberation Day“ durch Manhattan, von Greenwich Village bis in den Central Park. Im selben Sommer gab es Märsche in Chicago und Los Angeles. Aus dem Jahrestag wurde eine Tradition, die sich in wenigen Jahren über die halbe Welt verbreitete. International heißt sie Pride. Den Namen Christopher Street Day benutzt man fast nur in Deutschland und der Schweiz.
Der Weg nach Deutschland
Hier galt zu der Zeit noch der Paragraf 175, der Sex zwischen Männern unter Strafe stellte. Die Bundesrepublik hatte ihn 1969 entschärft, ganz gestrichen wurde er erst 1994. Die erste Schwulendemo der Bundesrepublik fand am 29. April 1972 in Münster statt, mit ein paar Hundert Menschen und viel Mut.
1979, zum zehnten Jahrestag von Stonewall, gab es dann die ersten Demonstrationen unter dem Namen Christopher Street Day, unter anderem in Bremen und West-Berlin. In Berlin liefen einige Hundert Menschen mit. Manche trugen Masken oder Tücher vor dem Gesicht, weil sie am Montag danach ihren Job behalten wollten.
Heute: über 200 CSDs im Jahr
Inzwischen gibt es in Deutschland jedes Jahr mehr als 200 CSDs. Die größten in Köln und Berlin ziehen Hunderttausende an. Die spannendere Entwicklung passiert aber in kleinen Städten: In den letzten Jahren sind viele CSDs in Orten dazugekommen, in denen es vorher keine sichtbare queere Szene gab.
Gerade diese kleinen CSDs brauchen Mut. Seit 2024 mobilisieren rechtsextreme Gruppen gezielt gegen sie, an manchen Orten standen Hunderte Neonazis den Teilnehmenden gegenüber. Die meisten CSDs verlaufen trotzdem friedlich, und fast überall kamen nach solchen Drohungen im Jahr darauf mehr Menschen als vorher.
Party oder Protest?
Beides, und das war immer so. Schon beim ersten Marsch 1970 wurde gefeiert, weil sichtbar und fröhlich zu sein für Menschen, die sich jahrelang verstecken mussten, selbst ein politischer Akt ist. Rechtlich sind CSDs in Deutschland Demonstrationen. Jeder hat ein Motto und Forderungen, vom Schutz vor Gewalt bis zur Reform des Abstammungsrechts.
Du musst dafür nichts Besonderes können oder sein. Du musst nicht geoutet sein, nicht verkleidet, nicht mal queer. Mitlaufen reicht. Wenn du zum ersten Mal hingehst: Nimm Wasser, Sonnenschutz und bequeme Schuhe mit, und verabrede einen Treffpunkt, falls ihr euch verliert.
Alle kommenden Termine findest du in unserer CSD-Übersicht. Wie die Regenbogenflagge entstanden ist, liest du im Beitrag zur Geschichte der Regenbogenflagge, und warum auf vielen Wagen inzwischen die Progress-Pride-Flagge mit den Farben der Transgender-Flagge weht, hat viel mit Marsha und Sylvia zu tun.
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