Autismus, ADHS und Queer-Sein: eine häufige Überschneidung
Auffällig viele autistische Menschen und Menschen mit ADHS sind queer oder trans. Was die Forschung dazu weiß, welche doppelten Hürden es gibt und wie queere Räume für alle angenehmer werden.
Von Queer Guide Redaktion5 Min. Lesezeit
Wenn du in einer queeren Gruppe fragst, wer eine Autismus- oder ADHS-Diagnose hat oder eine vermutet, gehen oft erstaunlich viele Hände hoch. In der Community ist das längst ein Running Gag. Dahinter steckt aber mehr als ein Gefühl: Die Überschneidung ist inzwischen gut belegt.
Was die Forschung weiß
Die bisher größte Auswertung stammt von einem Team der Universität Cambridge und erschien 2020. Sie umfasste Daten von mehr als 600.000 Menschen. Ergebnis: Trans und nicht-binäre Menschen waren drei- bis sechsmal so häufig autistisch wie cis Menschen. Andere Studien zeigen, dass autistische Menschen sich deutlich seltener als heterosexuell beschreiben und häufiger als bi, pan, asexuell oder queer.
Für ADHS ist die Datenlage dünner, zeigt aber in dieselbe Richtung. Autismus und ADHS treten außerdem oft zusammen auf.
Wichtig: Das heißt nicht, dass das eine das andere verursacht, und schon gar nicht, dass eine queere Identität ein „Symptom“ wäre. Es heißt nur, dass beides auffällig oft zusammenkommt.
Warum das so sein könnte
Sicher weiß es niemand. Es gibt mehrere Erklärungen, die sich nicht ausschließen:
- Weniger Gewicht auf ungeschriebenen Regeln. Viele neurodivergente Menschen übernehmen soziale Normen nicht automatisch, sondern fragen: Warum eigentlich? Wer Geschlechterrollen nie als selbstverständlich empfunden hat, kommt leichter darauf, dass sie für ihn oder sie nicht passen.
- Übung im Anderssein. Wer sein Leben lang gemerkt hat, dass er nicht dazupasst, hat weniger zu verlieren, wenn er auch bei Geschlecht und Liebe eigene Wege geht.
- Offene Räume. Queere Communitys sind oft toleranter gegenüber ungewöhnlichem Verhalten. Neurodivergente Menschen fühlen sich dort eher wohl und outen sich eher.
- Gemeinsame biologische Faktoren. Auch das wird erforscht, bisher ohne klares Ergebnis.
Doppelt maskieren
Viele autistische Menschen und Menschen mit ADHS lernen früh, sich zu verstellen: Blickkontakt halten, Stimming unterdrücken, Smalltalk auswendig können. Das nennt man Maskieren, und es kostet enorm viel Kraft. Queere Menschen kennen etwas Ähnliches, wenn sie nicht geoutet sind.
Wer beides ist, trägt zwei Masken übereinander, oft seit der Kindheit. Das erklärt, warum Erschöpfung, Angststörungen und Depressionen in dieser Gruppe so häufig sind. Es erklärt auch, warum manche erst spät merken, wer sie sind: Wenn du jahrelang damit beschäftigt bist, „normal“ zu wirken, bleibt wenig Raum für die Frage, was du selbst willst.
Späte Diagnosen
Besonders Frauen, trans Männer und nicht-binäre Menschen bekommen ihre Diagnose oft erst als Erwachsene. Die Kriterien wurden lange an Jungen entwickelt, und wer als Mädchen erzogen wurde, hat häufig besonders gut gelernt, sich anzupassen.
Eine späte Diagnose kann viel sortieren. Plötzlich ergibt Sinn, warum Großraumbüros unerträglich sind oder warum Freundschaften immer so anstrengend waren. Sie kann aber auch traurig machen, über die Jahre, in denen niemand etwas gemerkt hat. Beides gehört dazu.
Praktisch: Die Wartezeiten auf eine Diagnostik für Erwachsene sind lang, oft mehr als ein Jahr. Die Terminservicestelle unter 116 117 kann Termine vermitteln. Selbsthilfegruppen kannst du auch ohne Diagnose besuchen. Du bist dort nicht „zu wenig betroffen“.
Zwischen den Stühlen
Wer beides ist, fällt oft durch zwei Raster:
- In der Autismus- oder ADHS-Beratung kennt sich niemand mit trans Themen aus.
- In der queeren Beratung ist der Raum laut, das Licht grell und das Gespräch voller Andeutungen.
- In der Therapie wird das eine mit dem anderen erklärt: „Das ist sicher nur Ihr Autismus.“
Der letzte Punkt ist für trans Menschen besonders heikel. Manche Behandler*innen zweifeln an der Geschlechtsidentität, sobald eine Autismus-Diagnose im Raum steht, und verzögern Hormone oder Stellungnahmen. Die medizinischen Leitlinien sehen das anders: Autismus ist kein Grund, jemandem eine Transition zu verweigern. Autistische Menschen wissen genauso gut wie alle anderen, wer sie sind. Sie brauchen manchmal nur eine andere Art von Gespräch. Wenn dir so etwas passiert, hol dir Unterstützung bei einer Trans-Beratungsstelle.
Wenn queere Räume zu viel sind
Ein CSD ist für viele neurodivergente Menschen eine Zumutung: Menschenmassen, Bässe, Trillerpfeifen, Hitze, überall Berührungen. Auch die Kneipe mit lauter Musik oder die Gruppe mit zwanzig Leuten im Stuhlkreis ist nicht für alle gemacht. Du bist deshalb nicht weniger Teil der Community. Ein paar Dinge, die helfen können:
- Gehörschutz oder Kopfhörer und eine Sonnenbrille. Trägt inzwischen die halbe Demo.
- Am Rand laufen, früher kommen oder früher gehen. Niemand führt Buch.
- Schau ins Programm: Viele CSDs haben inzwischen Ruhezonen oder einen leiseren Block.
- Schreib der Gruppe vorher eine Mail und frag, wie ein Treffen abläuft, wie viele Leute kommen und ob du erst mal nur zuhören kannst.
- Such nach kleinen, ruhigen Formaten: Spieleabende, Spaziergänge, Bastelgruppen, Onlinetreffen.
- Nimm eine vertraute Person mit und verabredet ein Zeichen, wenn du rausmusst.
Was Gruppen und Veranstalter*innen tun können
Das meiste kostet nichts und macht die Veranstaltung für alle angenehmer:
- Schreibt in die Ankündigung, was genau passiert: Ablauf, Dauer, Gruppengröße, ob es eine Vorstellungsrunde gibt.
- Beschreibt den Weg und den Raum, am besten mit Foto vom Eingang.
- Bietet einen ruhigen Rückzugsort an.
- Dreht die Musik leiser, wenn man sich unterhalten soll, und verzichtet auf flackerndes Licht.
- Macht Mitmachen freiwillig. Niemand muss in der Runde etwas sagen.
- Sagt Dinge direkt, statt zwischen den Zeilen. Klare Ansagen sind nicht unhöflich.
- Nehmt es nicht persönlich, wenn jemand keinen Blickkontakt hält, zappelt oder plötzlich geht.
Wenn eure Gruppe solche Angaben macht, tragt sie bei eurem Eintrag ein oder schickt sie uns über Eintrag vorschlagen. Für viele entscheidet genau das, ob sie sich trauen zu kommen.
Unterstützung finden
Frag bei Beratungsstellen direkt nach: „Habt ihr Erfahrung mit autistischen Menschen oder ADHS?“ Und bei Autismus- und ADHS-Stellen: „Kennt ihr euch mit queeren und trans Themen aus?“ Das ist keine unhöfliche Frage, sondern spart allen Zeit. In immer mehr Städten und online gibt es außerdem Gruppen, die sich ausdrücklich an neurodivergente Queers richten.
Bei Queer Guide findest du Beratung unter Beratungsstellen und TIN*, Austausch unter Selbsthilfe und Treffs. Wenn dir gerade alles zu viel wird, stehen die wichtigsten Nummern im Beitrag Schnelle Hilfe in der Krise. Viele der Angebote dort erreichst du per Chat, falls Telefonieren nicht dein Ding ist.
Passende Beiträge
- Hintergrund
Warum KI-generierte Bilder in der queeren Community ein Problem sind
Makellose Paare, sechs Finger, Regenbogen in Neon: KI-Bilder mit queeren Motiven sind überall. Warum das viele in der Community stört, wie du sie erkennst und was Vereine besser machen können.
5 Min. Lesezeit
HintergrundWarum CSD? Die Geschichte des Christopher Street Day
Eine Bar in New York, eine Razzia im Juni 1969 und Gäste, die sich zum ersten Mal nicht abführen lassen. Wie daraus der CSD wurde, wie er nach Deutschland kam und warum er bis heute eine Demo ist.
5 Min. Lesezeit
HintergrundVon San Francisco bis heute: Die Geschichte der Regenbogenflagge
1978 färbten Gilbert Baker und rund 30 Freiwillige in San Francisco Stoffbahnen in Mülltonnen. Wie aus acht Streifen sechs wurden, was die Progress-Flagge ändert und warum um die Flagge bis heute gestritten wird.
5 Min. Lesezeit